Eine moderne Prophetin

- Sr. Dorothy Stang, die als Missionarin im brasilianischen Bundesstaat Para tätig war und im Jahr 2005 ermordet wurde, sah die Folgen der Amazonas-Zerstörung voraus.
- Foto: sndohio.org / Sr. Janet Mullen
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Am 20. Jahrestag der Ermordung von Sr. Dorothy Stang würdigte Bischof Erwin Kräutler bei einem Gottesdienst seine ehemalige Mitarbeiterin.
Amazonas-Bischof Erwin Kräutler hat zum Jahrestag der Ermordung von Sr. Dorothy Stang an die visionäre Weitsicht der US-amerikanischen Ordensfrau und ihr unermüdliches Engagement für den Schutz des Amazonasgebietes erinnert. Die Missionarin der Schwestern von Notre Dame de Namur habe bereits in den 1980er und 1990er Jahren als „moderne Prophetin“ die dramatischen ökologischen und sozialen Folgen der Abholzung und Umweltzerstörung in der Region vorausgesehen, sagte der 85-jährige emeritierte Bischof der Diözese Xingu bei der Gedenkmesse im brasilianischen Anapu.
Kräutler erinnerte in seiner Predigt, dass Stang 1982 in die Bezirkshauptstadt Altamira im Bundesstaat Para gekommen sei, um „mit den Ärmsten der Armen“ zu leben. Damals seien die Probleme an der Transamazonica-Ost vor allem Malaria, Hunger und Gewalt gewesen. Schon früh habe die Missionsschwester ihren hingebungsvollen Kampf für die Rechte der Landbevölkerung und gegen den Raubbau an der Natur durch illegale Holzfäller und Großgrundbesitzer aufgenommen.
Eine Inspiration bis heute
„Schwester Dorothy liebte die Armen, aber sie liebte auch unsere Mit-Welt, die Gott geschaffen hat, unser ‚gemeinsames Haus‘, das stöhnt und um Erbarmen fleht, weil es angegriffen und misshandelt wird“, sagte der aus Vorarlberg stammende Bischof, dessen engste Mitarbeiterin Stang war und deren Begräbnis er im Februar 2005 geleitet hatte. Stang habe den Zusammenhang zwischen sozialer Gerechtigkeit und Umweltschutz bereits klar erkannt und bleibe durch ihren Einsatz eine Inspiration bis heute.
Bereits Jahre vor ihrem Tod habe Stang vor den Veränderungen gewarnt, die sich heute im Amazonasgebiet zeigen: extreme Dürreperioden, Wasserknappheit in den Flüssen, zunehmende Hitze und die gesundheitlichen Folgen von Bränden und Rodungen. Die Ordensfrau habe vorhergesehen, dass die rücksichtslose Ausbeutung der Natur nicht nur das Ökosystem, sondern auch die Lebensgrundlage der ärmsten Menschen zerstören würde.
Der Bischof erinnerte in seiner Predigt auch an Stangs letztes Interview, das die Ordensfrau zehn Tage vor ihrer brutalen Ermordung in Altamira gegeben habe; auch er selbst sei dabei anwesend gewesen. Als der Journalist ihr zu Vorsicht riet, erwiderte sie: „Ich vertraue ganz auf Gott und weiß, dass er mit mir ist. Aber ich spreche lieber über das Leben als über den Tod.“
Leben für den Amazonas
Dorothy Stang, 1931 in Ohio geboren, hatte sich ab 1966 für die Rechte von Brasiliens Kleinbauern und für den Umweltschutz eingesetzt, insbesondere gegen die illegale Abholzung des Regenwaldes. Ab 1982 lebte und arbeitete sie in der Kleinstadt Anapu, wo sie sich mit anderen Ordensschwestern für die landlosen Bauern starkmachte. In ihren Projekten für nachhaltige Entwicklungen (PDS) verband sie Waldschutz mit nachhaltiger Landwirtschaft. Den Großgrundbesitzern war sie damit ein Dorn im Auge, weshalb es mehrfache Drohungen und Einschüchterungsversuche gab.
Auf dem Weg zu einer neuen Siedlung wurde die damals 73-Jährige von Auftragskillern erschossen. Die Mörder und deren Auftraggeber wurden zwar verurteilt, jedoch nach kurzer Zeit wieder freigelassen. Der Kampf um Landrechte und den Schutz des Amazonasgebiets in der Region dauert weiter an, denn Landraub und Abholzung setzen sich fort, weiterhin verbunden mit Gewalt und Drohungen.
Quelle: Kathpress


Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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