5. Sonntag der Fastenzeit - 6. April 2025
Meditation

Foto: Neuhold

 

Sich stimmen lassen

Mit meiner Kamera und meiner Handtasche erklimme ich die Stufen zum Mausoleum, mein Ziel ist der Grazer Ägydiusdom. Es ist ein schöner Tag, die Frühlingssonne zeigt sich mit ihren ersten warmen Strahlen. Ich freue mich auf die Kühle und die Stille der Kirche – auf den Moment, zur Ruhe zu kommen, nachzudenken und mich neu auszurichten.
Ich öffne die schwere Tür und trete ein, doch die ersehnte Stille bleibt aus. Ein schrilles Piepen dringt in meine Ohren. Mein Blick wandert nach oben: Die Orgel wird gestimmt. Jeder Ton erklingt einzeln, gefolgt vom Ruf des Organisten, der Anweisungen gibt.

Ein Moment der Unruhe. Aber das wollte ich nicht!
Wie oft sehnen wir uns nach Klarheit und Ruhe – und finden stattdessen Lärm und Irritation?
Vielleicht ist es gerade diese Unruhe, die mich neu ausrichtet. Vielleicht fordert sie uns heraus, zu fragen: Bin ich auf dem richtigen Weg?

Die Orgel muss regelmäßig gestimmt werden, weil äußere Einflüsse sie verstimmen – Temperaturschwankungen, Feuchtigkeit, die Zeit. Auch wir geraten aus dem Gleichgewicht – durch Sünde und die Herausforderungen des Lebens. Doch wie die Orgel nicht aus sich selbst heraus wieder harmonisch klingen kann, brauchen auch wir jemanden, der uns neu stimmt.

Manchmal ist es die Stille, in der wir Gottes Nähe spüren. Manchmal aber begegnet er uns in der nicht erwünschten Unruhe. Vielleicht sind es genau diese Momente, in denen Gott an uns arbeitet – in denen er die Töne unseres Lebens überprüft, nachjustiert, neu ordnet.

Lassen wir uns stimmen. Lassen wir zu, dass Gott uns berührt, uns aus unserer Routine holt, uns korrigiert – damit unser Leben wieder in seiner Harmonie erklingen kann. Ich lausche den einzelnen Tönen der Orgel, dem Ruf des Organisten. Das schrille Piepen stört mich nicht mehr. Ich atme tief durch, lasse den Moment auf mich wirken. Vielleicht ist es gar nicht die Stille, die ich brauche, sondern genau das hier: ein Anstoß, mich neu auszurichten.
Mit einem letzten Blick nach oben drehe ich mich um und trete hinaus in das Licht der Frühlingssonne.

Maria Wilbrink

DOM ZU GRAZ
Erbaut: 1438 von Kaiser Friedrich III. Architektur: Spätgotik mit barocken Elementen. Orgel: 5.354 Pfeifen, 73 Register – urspr. 1978 von Johannes Klais gebaut. 2023 reorganisiert.

Veranstaltungstipp: Fastenpredigt von Dr. Markus Plöbst: 6. April, 17 Uhr, Dom zu Graz.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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