Interview mit Kardinal Christoph Schönborn
„Es sind immer Begegnungen“

Kardinal Schönborn wird am 22. Jänner 80 und geht damit aller Voraussicht nach in den Ruhestand. Er wird in das Kloster der Kleinen Schwestern vom Lamm im 20. Wiener Gemeindebezirk ziehen und wird sich zeitweise auch im Kloster der Johannesbrüder in Marchegg aufhalten | Foto: Erzdiözese Wien/Schönlaub
  • Kardinal Schönborn wird am 22. Jänner 80 und geht damit aller Voraussicht nach in den Ruhestand. Er wird in das Kloster der Kleinen Schwestern vom Lamm im 20. Wiener Gemeindebezirk ziehen und wird sich zeitweise auch im Kloster der Johannesbrüder in Marchegg aufhalten
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Am 22. Jänner wird Kardinal Christoph Schönborn 80 Jahre alt. Im Interview blickt der Wiener Erzbischof auf schöne, herausfordernde und schmerzhafte Momente seines Lebens zurück und auf seine Arbeit für die Kirche und für die Menschen – Obdachlose, Verantwortliche in der Politik, Künstlerpersönlichkeiten und seinen Neffe. In allen Situationen ist für den Kardinal klar, dass er seine Aufgabe immer sehr gerne macht.

„Alle sprechen vom Abschied“, meinte der Wiener Erzbischof bei der Begrüßung anlässlich des Interviews. Das Wort haben wir daher im Gespräch bewusst nicht gewählt und ihm zunächst eine persönliche Frage gestellt:

Wie geht es Ihnen angesichts der kommenden zehn Jahre? Es sind wohl zum ersten Mal in Ihrem Leben Jahre ohne klare Aufgabe.
Kardinal Christoph Schönborn: Ich habe bewusst keine Pläne. Ich möchte die neue Situation auf mich zukommen lassen und sie dann gestalten. Und deshalb habe ich ganz bewusst auf Pläne verzichtet.

Wie kann man sich Ihren Alltag vorstellen oder was stellen Sie sich für Ihren Alltag dann vor?

Schönborn: Er wird in vieler Hinsicht sehr ähnlich bleiben, mit viel Korrespondenz und Telefonieren, aber auch mit mehr Zeit für persönliche Begegnungen und, ich sage es auch unumwunden, mit mehr Zeit fürs Gebet.

Sie haben jetzt jahrzehntelang Ihre Aufgabe als Erzbischof von Wien mit vielen zusätzlichen Verantwortlichkeiten gelebt. Wie haben Sie das geschafft?
Schönborn: Es ist gegangen. Es war viel, ja. Es ist ein sehr, sehr dichtes Leben, aber das Elixier ist natürlich, dass ich die Arbeit für sinnvoll halte. Die Aufgabe hat mir im Großen und Ganzen und im Wesentlichen immer Freude gemacht. Ich habe es einfach gerne gemacht.

Im Wiener Dom-Verlag erscheint zu Ihrem 80. Geburtstag ein neues Buch: „Meine Augen haben das Heil gesehen. Auf Jesus schauen mit Helmut Michael Berger“. Warum widmen Sie sich diesem Künstler?
Schönborn: In der Wiener Kirche „Cyrill und Method“ wurde ein Kreuz von Helmut Michael Berger als zu schockierend empfunden. Das war meine erste Begegnung mit dem Künstler, nicht mit der Persönlichkeit. Und daraus wurde dann eine persönliche Begegnung. In meinen Büroräumlichkeiten steht ein Flügelaltar von ihm. Dazu kam dann die Bekanntschaft mit seinem Schwiegersohn Primarius Johannes Fellinger bei den Barmherzigen Brüdern in Linz. Mit ihm habe ich das Buch gemeinsam entwickelt.

Ihnen sind Menschen in schwierigen Situationen ein Anliegen. Welche Not berührt den Wiener Erzbischof?
Schönborn: Es sind immer Begegnungen. Als ich ein junger Dominikaner war, um die 21 Jahre, steht ein Obdachloser vor der Klosterpforte. Mit einem anderen Mitbruder hören wir uns seine Geschichte an. Und haben uns dann sehr, sehr engagiert dafür, dass er im Kloster eine Zeit lang aufgenommen wurde, damit er eine Herberge hat. Das war sicher eine sehr markierende Begegnung. Einfach das Schicksal eines Menschen, der aus guter Position, man würde sagen „abgesandelt“ ist. Es ist mir immer wichtig gewesen, hinzuschauen und den Menschen zu begegnen mit ihren Schicksalen, die sehr oft nicht lösbar sind. Aber eine Nähe zu ihnen ist möglich.

Ihnen ist persönliches Leid nicht fremd. Wir erinnern an den Tod Ihres Neffen. Sie haben das sehr offen thematisiert. Wie haben Sie denn die Trauer erlebt und durchlitten?
Schönborn: Die Trauer ist geblieben und gleichzeitig ist sie verbunden mit einem ganz tiefen Trost und dem Wissen, dass Probleme nicht immer auf Erden lösbar sind. Meine Schwester hat das sehr schön in ein Wort geprägt. Als ich ihr die Nachricht geben musste, dass mein Neffe, ihr Sohn, den Drogentod gestorben ist, hat sie gesagt: „Wir haben uns um ihn bemüht, so gut wir konnten. Nun hat Jesus gesagt: ‚Jetzt kümmere ich mich um ihn.‘“

In diesen Tagen ist die Studie „Was glaubt Österreich?“ erschienen. Was können Sie erkennen?
Schönborn: Für mich geht es um die Hoffnung. Die Hoffnung ist eine andere Dimension als Pessimismus oder Optimismus. Weil sie damit rechnet oder darauf hofft, darauf vertraut, dass die Geschichte nicht nur von uns Menschen gemacht wird und geschrieben wird. Und das ist eigentlich der Kern meiner Diagnose. Ich glaube, Europa ist eindeutig im Abschwung. Wirtschaftlich, demographisch, kulturell und auch religiös. Es ist eine Zeit, die man durchaus diagnostizieren kann als eine Zeit des Niedergangs – ohne moralische Wertung. Die Christenheit Europas ist vorbei. Aber das Christentum ist nicht vorbei. Der Glaube ist nicht vorbei.
Ich stelle einfach fest, dass das auch heute laufend passiert. Es kommen Menschen zum Glauben. Wer sind diese 13.000 Erwachsenen, die in Frankreich zu Ostern im letzten Jahr um die Taufe gebeten haben? Was passiert da? Letztlich vertraue ich darauf, dass Christus der Herr der Geschichte ist. Das kann ich nicht beweisen, aber das glaube ich.

Ein Themenwechsel: Wie geht man als Erzbischof an politische Themen heran?
Schönborn: Meine Aufgabe ist es nicht, Politikern Ratschläge zu geben, außer wenn sie das erfragen. Und es ist schön, Menschen zu begegnen, die ihre politische Verantwortung ernst nehmen. Ich habe einen großen Respekt vor diesem Beruf bekommen. Es ist ein Glück, dass wir in einem Land leben, das rechtsstaatliche Prinzipien hat, eine gut funktionierende Justiz, eine öffentliche Sicherheit und bisher verfassungskonforme Parteien. Ich hoffe, dass das so bleibt.

Sie haben sich in Fragen der Gesellschaftspolitik immer wieder geäußert. Wo war für Sie eine rote Linie?
Schönborn: Die rote Linie war zum Beispiel, als ich eine sehr deutliche Distanzierung gefordert habe von den Überlegungen zu einem Gesetz der Sicherungshaft, also der Inhaftierung von Personen, die sich noch nichts haben zuschulden kommen lassen. Das wurde auch von manchen politischen Kreisen heftig kritisiert. Also rote Linien sind für mich dort gegeben, wo Grundrechte des Menschen in Gefahr sind.

Wir stellen die Frauenfrage, aber andersherum. Seit wenigen Tagen haben wir mit Schwester Simona Brambilla die erste Leiterin einer Vatikanbehörde. Ihr Stellvertreter ist ein Kardinal, Ángel Artime. Wie wäre denn die Vorstellung für Sie, Stellvertreter einer Frau zu sein?
Schönborn: Sie ist absolut lebbar. Ich war es von zu Hause gewohnt. Meine Mutter war politisch tätig und in der Wirtschaft hatte sie eine führende Position. Ich habe erlebt, dass sie Chefin war. Das ist nicht etwas völlig Neues. Es ist sicher neu, dass ein Dikasterium in Rom von einer Frau geleitet werden kann. Das ist, glaube ich, eine gute und richtige Entwicklung.

Es kann noch ein wenig dauern, bis ein neuer Erzbischof von Wien ernannt wird. Was meinen Sie dazu?
Schönborn: Ernennungsverfahren können schnell oder langsam gehen. Es kann die Situation geben, dass Kandidaten ins Auge gefasst werden, diese aber abwinken oder dass sich neue Fragen ergeben auf dem Weg der Entscheidungsfindung. Ich sehe das jetzt nicht als etwas Außergewöhnliches. Ja, das gehört nicht in die Kategorie Drama.

Interview: Stephan Hauser, Sophie Lauringer, Georg Pulling und Paul Wuthe

Ein Brückenbauer

Am 22. Jänner tritt Kardinal Christoph Schönborn zu seinem 80. Geburtstag in den wohlverdienten Ruhestand. Davor wird er am 18. Jänner im Stephansdom mit einem großen Dankgottesdienst für seine 30-jährige Tätigkeit an der Spitze der Kirche Österreichs gefeiert. Bei einer Pressekonferenz vor Weihnachten zog Schönborn Bilanz: Die rückläufigen Mitgliederzahlen in der Kirche schmerzen ihn. „In meiner Amtszeit ist die Zahl der Katholiken in der Erzdiözese Wien um rund 20 Prozent gesunken“, so der Kardinal. Gleichzeitig suchten viele Menschen verstärkt nach Sinn und Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Hier könne das Christentum weiterhin einen großen Beitrag leisten.

Schönborn begann 1995 sein Amt als Wiener Erzbischof in schwierigem Umfeld. Sein Amtsvorgänger Hans Hermann Groer trat nach Enthüllungen über Missbräuche an Schülern zurück. Schönborn setzte eine Kommission zur Untersuchung und Verhinderung von Missbräuchen in der Kirche ein. Gläubige formierten sich zu Protestbewegungen und forderten Reformen, darunter mehr Rechte und Aufgaben für Frauen oder die Abschaffung des Zölibats. Forderungen, die bis heute innerhalb der Kirche kontrovers diskutiert werden.

Schönborn war als Baby mit seiner Mutter und Bruder Philipp 1945 aus der Tschechoslowakei nach Österreich vertrieben worden. Der Vater kehrte später aus der Kriegsgefangenschaft heim, die Ehe wurde geschieden. Er wuchs in Vorarlberg und Graz auf, trat dem Dominikaner-Orden bei, wurde Priester und brachte es zum Theologieprofessor. Im Vatikan war er geschätzter Mitarbeiter am neuen Katechismus und genoss das Vertrauen von Papst Franziskus. Schönborn wird eine Wohnung bei den Kleinen Schwestern vom Lamm beziehen. Diese widmen sich dem Dienst an Armen. „Es ist also ein Weg zurück zu meinem Ursprung, als wir praktisch mit nichts aus der Tschechoslowakei vertrieben wurden.“

Der Autor Otmar Lahodynsky war langjähriger Profil-Redakteur und interviewte in dieser Funktion Schönborn mehrfach.

Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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